Sichtbare Tätowierungen ?!

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Re: Sichtbare Tätowierungen ?!

Beitragvon Segler » 02.03.2020 19:46

"Tattoos waren immer schon auch zum Auffallen da und mittlerweile muss man halt was drauflegen, damit es überhaupt noch auffällt. "

Treffer!

"Früher" waren blaue Haare ein Aufreger, heute ist ein Typ mit einer blauen Elvis-Tolle ein gefragter "Influencer" mit Millionen Fans und durchaus schwiegerelternkompatibel :lol:

"Früher" war eine Sicherheitsnadel im Ohr oder gar ein Nasenring der Gipfel des Nonkonformismus, heute gilt Ersteres als total retro und Zweites ist Mainstream.

"Früher" waren zerrissene Jeans Subkultur pur, heute gibt die ab Fabrik zerrissen bei H&M und Zara von der Stange und -megapeinlich - der Jugendliche oder junge Erwachsene könnte im angesagten Klamottenladen Mama und Papa und Oma Luise treffen, die die gleichen Trends megacool finden. :wink:

"Die Jugend von heute" hat ähnlich dumme Ideen wie die Jugend von früher, sie hat heute nur ein Problem damit aufzufallen. Rebellion ist heute kaum oder nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand machbar. Sozusagen die Kehrseite einer ziemlich toleranten und liberalen Gesellschaft

P.S. Ich bin heilfroh, dass ich mit 18-20 weder Interesse an Tattoos noch das Geld dazu hatte. Die Folgen wären absehbar gewesen. Das Interesse kam bei mir erst im zarten Alter jenseits der 30 und da war neben dem Geld für ein gutes Studio auch das Wissen da, dass ich mein Geld in einem soliden Brotberuf verdiene, in dem es sowas wie ein branchenübliches Erscheinungsbild gibt und man Tattoos bei passender Gelegenheit gern herzeigt, aber eben nicht zwangsweise, weil nicht verdeckbar, zu jeder unpassenden Gelegenheit.

Diese Option - herzeigen können, aber nicht müssen, damit auffallen, wenn sie will, nicht weil sie muss - hat sich auch die Trägerin eines Steissbeintribals offen gehalten.
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Re: Sichtbare Tätowierungen ?!

Beitragvon Kitty jaschi » 02.03.2020 23:54

Das stimmt schon, aber du vergisst, dass nicht nur ein Faktor sich verschiebt. Klar werden einerseits die optischen Veränderungen sichtbarer/extremer, aber sie werden es ja in einem, wie du auch sagst, toleranteren Umfeld. Es wird einfach nicht mehr so besonders sein, in fünfzehn Jahren einen Sachbearbeiter mit tätowierten Händen vor sich zu haben, auch nicht in der Bank.

Die eigene Perspektive darauf ändert sich eben, weil du zu einer bestimmten Generation gehörst. Ich sehe sämtliche Argumente ja ein, ich sträube mich nur einfach dagegen, es als ein "es wird immer schlimmer" zu sehen. Es wiederholt sich nur einfach alles. Insgesamt heftiger wird es nur, wenn man den Kontext ausblendet.
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Re: Sichtbare Tätowierungen ?!

Beitragvon Detritus » 03.03.2020 0:15

Kitty jaschi hat geschrieben:Es wird einfach nicht mehr so besonders sein, in fünfzehn Jahren einen Sachbearbeiter mit tätowierten Händen vor sich zu haben, auch nicht in der Bank.


Das halte ich nach wie vor für eine übermäßig optimistische Einschätzung - und selbst wenn würde es den Leuten die sich heute mit 18-21 Jahren die Hände volltackern nicht wirklich helfen, da sie zeitnah und nicht erst in 15 Jahren einen Job brauchen.

Und wenn Du erst mal 10 Jahre Burger beim McD über den Tresen gereicht hast wird es mit der Zweitkarriere als Banker wohl eher nichts werden. [emoji6]


Toleranz hin oder her, es gibt nun mal nach wie vor berufliche Bereiche und Hierarchiestufen wo es ein absolutes No-Go ist offensichtlich tätowiert zu sein.

Und bei allem „Jeder soll das machen, womit er sich wohl fühlt...“ - da fehlt vielen einfach der nötige Weitblick. Heute mag das „coole“ Handtattoo vielleicht wichtiger zu sein als potentielle Berufschancen in 10 Jahren - mit Anfang 30 sieht die Welt dann aber ggf. schon ganz anders aus.

Ich hatte das irgendwo schon mal geschrieben - mir saß mal so ein Anfang 20jähriger Studi gegenüber und wollte einen Job.

Er hatte zwar keine sichtbaren Tattoos, aber große Flesh Tunnel im Ohr und sonst einen halben Werkzeugkasten im Gesicht.

Als er die Frage, ob er bei Kundenterminen bereit sei auf seinen Schmuck zu verzichten verneinte, war das Gespräch an der Stelle beendet.

2 Jahre später habe ich ihn zufällig noch mal wieder getroffen - kein Metal mehr im Gesicht und auf einer Stelle die deutlich weniger anspruchsvoll (und schlechter bezahlt) gewesen ist, als er es bei uns hätte haben können.

So hat er halt auf die harte Tour gelernt, dass „Selbstverwirklichung“ und gewünschtes berufliches Umfeld nicht immer vereinbar sind.
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Re: Sichtbare Tätowierungen ?!

Beitragvon shovelhead » 03.03.2020 10:11

Gutes Beispiel aus der Realität.

Und Schönheit liegt ja auch immer im Auge des Betrachters...

Und trotz der Segnungen des Liberalismus u. der gebetsmühlenartigen Wiederholung von Gleichheit u. bedingungsloser Toleranz gegenüber allem u. jedem ist Westeuropa nicht automatisch gleich dem Rest der Welt. Man sollte sich also auch nicht wundern, wenn das in anderen Ländern...hm...kritischer gesehen wird.

Soll ja jeder so halten wie er mag, aber für mich wirken diese Kids schon irgendwie etwas verzweifelt...
Fairerweise muss ich allerdings sagen, dass sie es wahrscheinlich schwerer haben wie wir...

Edit: Damit meine ich, dass es in meiner Jugend klarere Strukturen, Männer u. Frauen u. noch kein Internet gab. War irgendwie einfacher wie heute, es haben sich nicht alle geduzt u. man wusste eher, woran man sich zu halten hat.
Ich würde in der heutigen Zeit nicht aufwachsen wollen, es wird heutzutage alles so kompliziert gemacht u. die einfachsten Dinge werden verdreht u. auf den Kopf gestellt...
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Re: Sichtbare Tätowierungen ?!

Beitragvon Segler » 03.03.2020 19:36

"ich sträube mich nur einfach dagegen, es als ein "es wird immer schlimmer" zu sehen."

Nicht schlimmer, sondern anders. Ganz wertneutral.

Ich beobachte, dass sich zeitgeistige Trends zunehmend kurzlebiger abwechseln, was bei langlebiger und allzu sichtbarer Hautdeko schnell ein Problem sein kann. vielleicht nicht für das Umfeld, aber für den Träger, der sich als "Hipster von Vorgestern" fühlt.

Auch wenn ich unsere heutige Gesellschaft als recht tolerant und liberal sehe, bedeutet das nicht, dass dieser Trend in Richtung noch individualistischer und liberaler weiter gehen muss. Ich sehe eher Anzeichen für das Gegenteil.

Zu meiner Studentenzeit (länger her :wink: ) hat uns moralischer Rigorismus oder "nudging" auf die Barrikaden getrieben und die Vätergeneration der 68er wollte "das Verbieten verbieten".

Heute scheint es mir durchaus einen (wie ich finde besorgniserregenden) zeitgeistigen Trend zu rigidem Hypermoralismus und Verbotswünschen gegen beinahe alles und jedes zu geben. Auch Tattoofarben, zu denen es keine brauchbare Alternative gibt, sind inzwischen im Visier der Verbotswünsche, siehe der ausführliche thread zu pigment blue und anderen Phthalocyaninen hier im Forum

Ob die Generation der heute 15 oder 16-jährigen unsere Freiheit genießen wird, kann ich nur hoffen.
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Sichtbare Tätowierungen ?!

Beitragvon BassSultan » 07.03.2020 9:53

an dieser Stelle wieder eine lange Diskussion in einen eigenen thread abgetrennt um wieder on Topic zu kommen. Wer weiter über Demokratie, homoehe, Grundrechte und diskriminierung reden möchte -> [URL] Demokratie-Diskussion (aus Sichtbare Tätowierungen ?!)
https://r.tapatalk.com/shareLink/topic? ... source=app[/URL] lg



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